Mein erstes „Cupping“ und wie ein bärtiger Norweger zu meinem persönlichen Idol wurde

Ich habe bereits viele inspirierende Menschen auf meiner Reise kennengelernt, aber Carl von der Kaffeerösterei in Bergen stach definitiv unter ihnen hervor. Ich habe selten jemanden kennengelernt, der seinem Leben und seinen Leidenschaften mit so viel Passion und doch Leichtigkeit begegnet. Oftmals bringen kreative Köpfe eine gewisse Art der Hektik mit sich, da all die Ideen in Taten umgesetzt werden wollen. Doch Carl hatte seine ganz eigene Gelassenheit. Liegt vielleicht daran, dass der gebürtige Norweger teilweise in Italien aufgewachsen ist?

Aber zum Anfang: Als ich Carl um ein Kennenlernen seiner Rösterei und seines Kaffees bat, reagierte er überaus freundlich, wollte jedoch keinen festen Termin vereinbaren – „Ich solle doch einfach vorbeischauen“. Das tat ich dann auch und stand wenige Wochen später vor einem graubärtigen Mann im Norwegerpulli, Gummistiefeln und mit Mütze, welcher mich erst irritiert und dann freudig anschaute. Nachdem er einige Sachen sortiert hatte, setzte er sich dann zu mir und wir tauchten in die Welt das Kaffees an. Die Kaffeerösterei hatte er circa zehn Jahre zuvor in einer kleinen Ecke des heutigen großen Lokals eröffnet. Über die Jahre ist diese immer weiter gewachsen. Zum einen wegen der steigenden Kaffeeproduktion und zum anderen, weil Carl noch so einige andere Projekte pflegt von denen ich so nach und nach erfuhr. So ist er nicht nur Kopf der Rösterei, sondern produziert auch eigene Schokolade. Dazu importiert er ausgewählte Kakaobohnen, welche er in mehreren Schritten zu Schokoladenkreationen weiterverarbeitet. Darüber hinaus hat er vor kurzem Kombucha für sich entdeckt, welches ein auf lebenden Kulturen basierendes Getränk ist. Er zeigte mir all die verschiedenen Projekte mit solch einer Begeisterung und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Er wirkte wie ein Junge voller bunter Ideen im Körper eines erfahrenen Mannes. Mittlerweile hat er ein großes Team, welches ihn unterstützt und welches offensichtlich den gleichen Spaß an ihrer Arbeit haben. Als wir uns dann wieder an den Tisch setzten und uns durch seine Kombucha-Züchtungen probiert hatten, holte er auf einmal einen Koffer mit diversen Fläschchen hervor. Es stellte sich als eine Aromabar für Kaffee heraus, welche 32 gekennzeichnete Fläschen mit diversen Aromen von Kaffee beinhaltete. Obwohl Carlo (italienische Form von Carl, wie er von allen genannt wird) schon längst zum nächsten Termin musste, hatten wir großen Spaß am Raten der Aromen und er lud mich zur Kaffeeverkostung am nächsten Tag ein (mein allererstes „Cupping“). Doch bevor er ging, gab er mir noch seinen Film, den er vor 15 Jahren produziert hatte und der sogar in den norwegischen Kinos lief. Filmproduzent ist er nämlich auch. 

Am nächsten Morgen schlug ich also wieder in der Rösterei auf und war ganz gespannt auf mein erstes Cupping. „Cupping“ bedeutet die Verkostung von verschiedenen Kaffees, um Geschmack und Qualität zu beurteilen. An jenem Morgen verkosteten wir 12 verschiedene Kaffees, welche erst vor drei Tagen geröstet wurden. Dafür wurden die geweiligen Bohnen grob gemahlen und in verschiedene Tassen gegeben. Diese wiederum wurden nach ihrem Röstgrad (von leicht nach schwer) sortiert. So begannen wir vorerst mit der Aufnahme des Geruchs von leichten bis starken Röstungen. Man konnte bereits jetzt wesentliche Unterschiede feststellen! Für die weitere Verkostung wurden nun die Gläser mit heißem Wasser aufgegossen und wir begannen erneut mit einer Geruchsprobe. In der nächsten Runde wurde dann probiert. Dafür nahmen wir einen Esslöffel und nahmen ein wenig Kaffee aus jeder Tasse. Diesen schlürften wir dann wortwörtlich, um den Kaffee mit möglichst viel Sauerstoff anzureichen und damit Aromen zu intensivieren. Mein Schlürfen wurde als „sehr leise und zurückhaltend“ betitelt – nicht nur, um sich lustig zu machen sondern weil es auch tatsächlich so war. Es war aber auch das erste Mal 🙂 In jedem Falle genoss ich mein erstes Cupping sehr und war erstaunt über die Unterschiede, die man feststellen konnte. Auch zeigten sich eigene Präferenzen. So war ich beispielsweise kein Fan der leichten Röstungen des Kaffees aus Costa Rica, liebte jedoch die stärkere Röstung der gleichen Sorte sehr! Verrückt! Nach dem Cupping bekam ich noch einmal die Chance mit Carlo sprechen und einige meiner Fragen loswerden zu können. Ich war happy so einen erfahrenen Kaffee-Junkie vor mir sitzen zu haben und genoss unsere Unterhaltungen sehr.

Obwohl ich nur wenige Stunden mit Carlo verbrachte, machte er einen enormen Eindruck auf mich. Es war zum einen sein Ideenreichtum und seine Kreativität (bei denen ich mir sicher bin nur die Spitze des Eisbergs kennengelernt zu haben) und zum anderen die Gelassenheit und der Optimismus. Er strahlte trotz der Vielzahl seiner Projekte eine tiefe Gelassenheit aus. Eine Kombination die nicht nur erstrebenswert ist, sondern in kreativen Bereichen auch unabdingbar ist. Eine Einstellung, die ich definitiv annehmen möchte und Carlo damit zu einer Art Idol werden lässt. Vielen Dank für die Inspiration auf so vielen verschiedenen Ebenen!

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